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Jürgen Wertheimer: Studium-Generale-Vorlesung “Vertrauen” Nr.1

Florian Rogge / 28.05.2018

„Ware Vertrauen“ statt „wahres Vertrauen“

Niemand wird in Frage stellen, dass „Vertrauen“ ein zentraler Faktor im menschlichen und zwischenmenschlichen Miteinander ist. Aber geht ohne Vertrauen wirklich nichts? Demokratie ist wichtig, Vielfalt ist wichtig, Frieden ist wichtig, Vertrauen ist wichtig – schon wird das „Nathan-Syndrom“ spürbar: gediegene, leichte Ermüdung. Man sagt die Ringparabel auf und döst weg.

Was ist das Anliegen dieser Vorlesung? Vertrauen wieder zu dem zu machen, was es ist: ein riskantes, spannendes Gefühl. Wer sich dem Vertrauensspiel hingibt, kreiert eine dramatische Situation, steigert die Komplexität – anders als der Soziologe Niklas Luhmann es darstellt, für den Vertrauen bekanntermaßen ein Mechanismus zur „Komplexitätsreduktion“ ist. Vertrauen ist kein einfaches Bauchgefühl, keine emotionale Hängematte, kein Sedativum. Es ist ein rasanter, kribbeliger Mix aus Emotion, Reflexion, Ethos, Macht und Ökonomie.
Der größte Feind des Vertrauens ist das automatisierte, institutionalisierte Routine-Vertrauen. Jeder Heiratsschwindler muss ein perfekter Vertrauens-Imitator sein. Vertrauen ist die Waffe der Hilflosen, aber unter Umständen auch die Schlinge, an der man sie aufhängt. Schnell kann Vertrauen zum Synonym für bequeme Gewohnheit werden. „Er wollte nur seine Vertrauensleute um sich haben, wollte eingespielte Automatismen“, hieß es jüngst in der Presse über die Philosophie eines Fußball-Trainers. Vertrauens-Automaten, Erfüllungsgehilfen ohne kritisches Potenzial – auch das kann sich unter dem Begriff „Vertrauen“ verbergen.

Die Geschichte des Vertrauens ist ein Katastrophenszenarium: Missbrauch, Misstrauen und Zerstörung von Vertrauen prägen unser Handeln. Dennoch rangiert der Begriff auf dem Basar recyclebarer Werte an oberster Stelle. Kaum eine politische Rede, in nicht vehement Vertrauen gefordert oder vorausgesetzt würde. Was diese rhetorische Vertrauenssüchtigkeit so skurril erscheinen lässt: dass sie in einer Welt stattfindet, der man jegliche Vertrauensseligkeit ausgetrieben hab: weltweite Bespitzelung, frei flottierender Datenhandel, Kriminalisierung jener, die dagegen protestieren.

Kaum ein anderes Gefühl ist so trügerisch und undurchschaubar wie das des Vertrauens. Vertrauensverhältnisse sind eine intime Angelegenheit, aber sie beinhalten auch eine eminent politische Dimension. Vertrauen ist der Stoff, aus dem gesellschaftliche Bindungen bestehen. Es stellt sich die Frage, ob alles Vertrauen letztlich eine bloße Projektion ist, um Ordnungs- und Sinngefüge zu vermitteln. Religion, Politik, Wirtschaft: Alles hängt vom Kalkül des Vertrauens ab, des investierten ebenso wie des erworbenen Vertrauens. Vertrauen, Vertrag und Versicherung stehen in einem spannungsvollen, dialektischen Verhältnis zueinander. Die Dynamik der Vertrauensverhältnisse kann Vertrauen fordern, wo Misstrauen angebracht wäre – und Vertrauen entziehen, wo Vertrauen angemessen wäre. Der Akt des Vertrauensbruchs wird noch immer als gravierender Verstoß gegen die gesellschaftliche Ordnung betrachtet, obwohl jeder davon ausgeht, dass Vertrauensbrüche ständige Begleiter des Alltags sind.

Wir müssen die Grammatik des Vertrauens erlernen, ihre Rituale ohne ethische Wunschvorstellungen oder ideologische Verblendungen studieren. Die Literatur ist das Labor, in dem man Wirklichkeit und Wirklichkeitswahrnehmung hautnah durchspielen kann. Sie ist das Archiv, in dem alle möglichen Szenarien des Vertrauens dokumentiert sind.