06. November 2017
Tübingen – Weltethos-Institut
Eröffnungs-Veranstaltung “Jahr des Vertrauens”

Prof. Dr. Jürgen Wertheimer über gesellschaftliche Vertrauensbildung

 

Vortrags-Skript

Der Ideengeber des gemeinnützigen Projekts „Jahr des Vertrauens“, Prof. Dr. Jürgen Wertheimer referierte zur Auftakt-Veranstaltung im Weltethos-Institut, zusammen mit seinem Prof. Dr. Niels Birbaumer, über den Wert des Vertrauens in der Gesellschaft und den heutigen Status Quo. Das „Jahr des Vertrauens“ wird veranstaltet von der St. Leonhards-Akademie zusammen mit dem Weltethos-Institut, der Universität Tübingen und Radio39. Am 06. November 2017 war die offizielle Eröffnungsveranstaltung, zu der alle Initiatoren und über 180 Gäste erschienen waren.

Nachfolgend die bewegende Rede des Literaturwissenschaftlers Prof. Wertheimer:

Über die „Anatomie des Vertrauens“

„Niels Birbaumers Vortrag hat gezeigt und anschaulich gemacht, dass man sich mit der Vertrauens-Frage – im Gegensatz zur landläufigen Meinung – auf ein ziemlich kompliziertes Feld begibt. Und wenn Geisteswissenschaftler dazukommen, wird es in der Regel nicht unkomplizierter, vielleicht sogar noch verwirrender.

Trotzdem – die Fragen stellen sich einfach:

Warum tut man sich das an – ein „Jahr des Vertrauens“?

Ist das nötig? Was bringt das?

Kennt das nicht schon jeder in etwa: Vertrauen?

Fragen dieser Art sind ja auch teilweise berechtigt. Rennt man also nicht offene Türen ein? Denn niemand wird doch ernsthaft in Frage stellen, dass „Vertrauen“ ein wichtiger, vielleicht zentraler Faktor im menschlichen und zwischenmenschlichen Miteinander ist. Der Kitt, der Leim; Treibstoff.

Die Basis – ohne Vertrauen geht nichts!

Ist das tatsächlich so: Geht ohne Vertrauen wirklich nichts?

Ich habe noch immer das Gespräch eines Pärchens am Nachbartisch eines Lokals in Erinnerung. Ein recht intimes, gottlob halblautes Gespräch – als sie zu ihm ganz zärtlich sagte: „Ich liebe dich. – Vertraut hab ich dir nie.“ Es kam nach diesem Geständnis keineswegs zu einer empörten Reaktion. Ganz im Gegenteil.

Und ist nicht auch unsere durch und durch misstrauische, argwöhnische Gesellschaft ein eindrucksvolles Beispiel dafür, dass auch ohne viel Vertrauen einiges ganz gut geht, gut zu gehen scheint? Die Wirtschaft etwa. Der Dax, das „Vertrauen“ auf Wachstum –

Dennoch: Wer sich abfällig über das Vertrauen äußert, macht sich verdächtig. Vertrauen gehört zur Software ethischen Verhaltens – wie Toleranz, das Bekenntnis zum Pluralismus und der Dialog…

Und schon nickt etwas in Ihnen einverständig und Sie spüren zugleich erste Anzeichen gediegener, leichter Ermüdung. Das „Nathan-Syndrom“ – man erzählt Lessings Ring-Parabel und döst innerlich weg. Ein bisschen so ist es mit dem Vertrauen. Es sediert uns. Macht uns gewohnheitsträg.

Und das ist der erste Grund, weshalb wir dieses Jahr machen:

Um Vertrauen wieder zu dem zu machen – was es ist: Zu einem riskanten, spannenden Gefühl. Wer sich dem Vertrauens-Spiel hingibt, sich ihm anvertraut, trifft eine Entscheidung und steigert die Komplexität. Er kreiert eine dramatische Situation. Ich weiß, dass ich damit – bewusst – in diametralem Gegensatz zu den überaus folgenreichen Thesen Nikolaus Luhmanns stehe. Er sieht bekanntlich das Vertrauen ja als einen wirksamen Mechanismus zur Reduktion sozialer Komplexität. Als Prozess betrachtet ist Vertrauen der sicherste Impuls, um hochgradig komplexe Situationen überhaupt erst zu generieren.

Spätestens jetzt werden Sie denken, ich übertreibe, letztlich sei Vertrauen ist doch ganz einfach, gleichsam elementar – Urvertrauen, Selbstvertrauen inklusive. Und ich gebe Ihnen Recht. In seinen einfachen Formen ist Vertrauen einfach.

In einer Sparkassen-Werbung: Zwei starren leise lächelnd auf einen Bildschirm – – Kunde in Beraterin, darunter das Motto: „Vertrauen ist einfach“.Ähnliches gilt für die Slogans der Banken – Parteien – der Bio-Fleisch-Werbung, die geradezu befehlen, ihnen Vertrauen zu geben – – am liebsten zu schenken…

Kein Wort zum Sonntag ohne Gott-gegebenen Vertrauenspassus: nicht weniger als 360 mal kommt das Mantra des „Fürchtet Euch nicht“, „Habt Vertrauen zu Gott“ in der Bibel vor.

Doch auch ein prosaisches Alltags-Beispiel zeigt, wie unsicher, ungenau wir mit den Begriffen sind, wenn es ums Vertrauen geht. Vor wenigen Tagen stand in der Presse ein Bericht über die neue Weltmeisterin an diesem Gerät. Unsinnigerweise war das Foto, das die Turnerin in riskanter Bewegung zeigte mit dem Untertitel „Blindes Vertrauen auf dem Balken“ unterschrieben.

Fakt ist: die junge Frau balanciert ihren Körper und dessen Reflexe in einem langen Trainingsleben so perfekt aus, dass er/sie die Schwerkraft zu überwinden scheint und jede Bewegung minutiös auszutarieren fähig ist. Wir aber wir sprechen simplifizierend und unbedacht von „Vertrauen“ – – auch noch von „blindem“! Es ist so absurd, als ob man einer virtuosen Pianistin „blindes Vertrauen“ zu ihrem Instrument attestieren würde.

Nein, ich habe eben nicht übertrieben.

Ist Vertrauen ein etwas ziemlich schwer zu fassendes einfaches Bauchgefühl? Eine emotionale Hängematte? Ein Sedativum?

Oder mehr! Ich meine: sehr viel mehr!

Und das ist er zweite Grund für dieses Jahr des Vertrauens:

Der einer umfassenden Aufklärung über das scheinbare Allerwelts-Phänomen Vertrauen. Denn es ist eben kein einfaches Bauchgefühl, sondern ein rasanter, kribbeliger Mix aus Emotion, Reflexion, Ethos, Macht – und Ökonomie! Dieses Gesellschafts-Etwas, das uns zwischen Zutrauen und Argwohn, Hingabe und Distanz einpegelt. In jedem Moment.

In jedem Moment neu – – Wenn wir genau in uns hineinhören, ist da ein andauernder Wechsel der Einstellung.

In Treue fest – auch so ein Wort. Wir sollten es uns abgewöhnen, jede Sturheit oder Torheit – „Vertrauen“ zu nennen. Und jeden Deal, den wir eingehen, Vertrauens-grundiert zu wollen. Der größte Feind des Vertrauens ist das automatisierte, institutionalisierte Routine-Vertrauen.

Theodor W. Adorno hat einmal von „organisierter Form der Wärmeleitung“ gesprochen. Die Formulierung beschreibt recht genau das zur Automatik verkommene Vertrauen. Oder gar zur Pose: Jeder Betrüger beherrscht es aus dem ff, jeder Heiratsschwindler ist, muss ein perfekter Vertrauens-Imitator, -Darsteller sein.

Ja. Vertrauen ist Leim – kann aber auch eine tückische Leimrute sein.

Vetrauen ist die Waffe der Hilflosen – aber unter Umständen auch die Schlinge, an der man sie aufhängt.

Man würde dem Phänomen nicht gerecht, wollte man diese gefährdenden Seiten des Vertrauens aus falsch verstandener Gutwilligkeit ignorieren.

Wenn jemand sagt: „Jetzt müssen Sie mir vertrauen!“ – sollten alle Warnlampen aufleuchten. Denn in diesem Moment werden Weichen gestellt: Man liefert sich dem anderen aus, gerät in seinen Bann. Das kann gut gehen. Das muss nicht gut gehen. Die Gefahren sind evident:

– Überstrapaziertes Vertrauen
– Verbrauchtes Vertrauen
– Benutztes/ausgenutztes Vertrauen
– Zerbrochenes/gebrochenes Vertrauen

Das Tragische: dieser potentielle Missbrauch geschieht zumeist unter den Vorzeichen der Freundschaft und der Nähe. Aber auch in weniger emotionalen Situationen lauert Gefahr: Schnell kann Vertrauen zum Synonym für bequeme Gewohnheit werden. „Er wollte nur seine Vertrauensleute um sich haben, er wollte eingespielte Automatismen“ hieß es jüngst in der Presse im Zusammenhang mit der Philosophie eines Fußball Trainers.

Vertrauens-Automaten, Erfüllungsgehilfen ohne kritisches Potenzial – auch das kann sich unter der Begrifflichkeit des Vertrauens verbergen.Oder es kann – schlimmstenfalls – von gesellschaftlichen Rahmenbedingungen eliminiert, ausgehöhlt und untergraben werden.

Der Mediziner Elis Huber konstatiert zu Vertrauen:

„Die Medizin ist zur Ware und Krankheit zum Geschäft geworden. Die Verzweckung des Geldes und das Geld als Maßstab für Erfolg und Bedeutung zerstören die Beziehungen im Gesundheitswesen. Das spüren die Leute am eigenen Leib und das Vertrauen in die medizinischen und sozialen Institutionen zerbricht spürbar und allerorten ersichtlich an den real erfahrenen Verhältnissen“ – und fordert: „Wenn im Gesundheitswesen neues Vertrauen wachsen soll, sollten wir Tacheles reden und uns trauen, die vorhandenen Fragen vieler Menschen tabu frei und redlich zu stellen.“

Und die Beispiele für diese Erosion des Vertrauens sind flächendeckend und alarmierend:

Ministerin von der Leyen klagt nach den Veröffentlichungen über rechte Tendenzen in der Truppe über verspieltes Vertrauen als Kehrseite interner „Vertraulichkeit“. Bundeskanzlerin Angela Merkel konstatiert nach dem Dieselskandal, „Vertrauen sei gebrochen worden“. Also: reden wir Tacheles und nicht um den heißen Brei herum – mit dem Ziel der Arbeit an einer behutsamen Erneuerung einer glaubhaften Vertrauens-Kultur!

Dazu müssen wir , unser dritter Grund, vielleicht ganz neue Wege gehen und eine Plantage für wieder aufkeimendes Vertrauen errichten. Eine Schutzzone für Kontroll-Geschädigte, Misstrauisch Gewordene, Überwachungs-Geprüfte und desillusionierte Ex-Vertrauens-Junkies.

Aufkeimendes Vertrauen muss geschützt und kultiviert werden. Nie wieder blindes Vertrauen! Nie wieder massenhafte Vertrauens-Schübe und billige Vertrauens-Vorschüsse auf Befehl!

Statt dessen zunächst ein dosiertes, reflektiertes, kontrolliertes, geschärftes Vertrauen. Meinetwegen zunächst Vertrauen auf Sparflamme.

Dies ist der zentrale Punkt, die zentrale Absicht dieses „Jahr des Vertrauens“:

Das missbrauchte, zersetzte Vertrauen so gut es geht zu restituieren. Die positiven Seiten dieses großartigen Gefühls ab- und auszuschöpfen und zu ermutigen.

Ein Vertrauen, das sich (be)lohnt, das zugleich auf der Hut und dennoch risikobereit ist – aktives, aktiviertes Vertrauen, denn: ICH bestimme, wem ich Vertrauen schenke, wem nicht. Ich bin der aktive Teil.

Das hört sich kompliziert an und ist es auch. Der große Vertrauens-Rausch ist vorbei. Aber die Passion, das Bedürfnis nach etwas mehr als Faktengläubigkeit, Nützlichkeitsbestreben und Funktionalität ist noch da. Wie nach einer schweren emotionalen Enttäuschung. Ein Zustand der Lähmung. Diesen Moment müssen wir nutzen. Dieses schmale Zeitfenster zwischen Vertrauensbruch-Erfahrung und Frustration, Zynismus oder einem schlichten „weiter so“ ins nächste Unheil.

Was kann helfen? Was ist die Voraussetzung?

Eine umfassende Neujustierung und Schulung unserer Wahrnehmungsfähigkeit.

Der erste Schritt: Vertrauen begreifen, seine Ambiguität zu fassen.

Vertrauen braucht Nüchternheit und Passion zugleich.

Vertrauen ist per se Janus-Gesichtig:

Es bedeutet Inklusion derer, die man ins Vertrauen zieht und notwendigerweise damit zugleich Exklusion all derer, die nicht mit von der Vertrauenspartie oder –Partei sind.

Dies beinhaltet zwingend, die Bevorzugung der Eigenen – wie auch die Zurückweisung des Fremden. Gelegentlich kann dieses Verhalten rassistische Züge aufweisen.

Auch die Art und Weise wie man zu Vertrauen kommt, kann differieren. Man kann es sich redlich Verdienen oder einfach geschenkt bekommen.

Man kann einen Vorschuss an Vertrauen investieren oder Vertrauen einfordern – es wäre falsch davon auszugehen, es gäbe nur eine Vertrauenskultur.

Das Buch „Vertrauen – ein riskantes Gefühl“

Vielleicht deshalb haben Niels Birbaumer und ich vor ein paar Jahren ein Buch darüber geschrieben: Vertrauen – ein riskantes Gefühl.

Er schaut ins Hirn und sieht, wie es arbeitet. Ich schau in die umfassendste Dokumentation menschlichen Verhaltens: die Texte der Literatur. Der als Erkenntnismedium unterschätzten Literatur/Kunst: dort lassen sich Beobachtungen machen, die helfen, die komplexen Vertrauensprozesse, die sich in unseren Köpfen, in unseren Körpern abspielen, besser zu verstehen, zumindest genauer zu erfassen.

„Vertrauen ist die kleinste Art von Mut“

Das Versuchs-Arrangement der NY/Berliner Künstlerin Adrian Piper unter dem Motto: „Vertrauen ist die kleinste Art von Mut“ könnte ein Ausgangspunkt sein. So kann man beginnen um möglicherweise auf eine Ebene zu gelangen die zeigt: „Manchmal ist Vertrauen auch die größte Art von Mut!“

Manchmal auch die größte Art von Dummheit oder Eitelkeit.

Zum Publikum gewandt denkt Shen Te in Bert Brechts „Der gute Mensch von Sezuan“ über sich, ihren lieblosen Geliebten und ihre Umwelt nach und entdeckt dabei eher beiläufig ein fast vergessenes Gefühl – das der Solidarität.

„Er ist schlecht und er will, daß auch ich schlecht sein soll. Hier bin ich, die ihn liebt (…). Aber um mich sitzen die Verletzlichen, die Greisin mit dem kranken Mann, die Armen, die am Morgen vor der Tür auf Reis warten (…) und sie alle beschützen mich, in dem sie mir alle vertrauen.“ (S.6)

Hier wird ein verdecktes Motiv erkennbar, das oft übersehen wird, wenn von „Vertrauen“ die Rede ist: das der Erhöhung des sozialen Status oder des Status als soziales Wesen.

Um es vorwegzunehmen: Im Verlauf von Brechts Stück wird es zu keiner im herkömmlichen Sinn befriedigenden Beantwortung der skizzierten Frage kommen. Im Gegenteil: Der berühmte Satz „Der Vorhang zu und alle Fragen offen“ fällt nicht zufällig im Epilog gerade dieses Stückes.

Zu der masochistischen „Wollust“, für andere zu leiden, gesellt sich bei genauerem Hinsehen noch ein zweiter Faktor, der der Dominanz. So verrückt es sich anhört: Gerade missbrauchtes Vertrauen steigert das Selbstwertgefühl des Betrogenen. Denn der Verrat des anderen bestätigt die Höherwertigkeit der eigenen Existenz. Über die von A bis Z verkorkste Liebesbeziehung zu ihrem fragwürdigen, profitorientierten Freund resümiert Shen Te:

„Sun hat wie ein kleiner Hurrikan in Richtung Peking meinen Laden einfach weggefegt und mit ihm alle meine Freunde. Aber er ist nicht schlecht, und er liebt mich. Solang ich um ihn bin, wird er nichts Schlechtes tun. Was ein Mann zu Männern sagt, das bedeutet nichts. Da will er groß und mächtig erscheinen und besonders hartgekocht.“

Dieses Bekenntnis zur Autosuggestionskraft, ja zum Suchtcharakter des Vertrauens ist verräterisch. Der Vertrauende glaubt ganz offenbar, sein investiertes Gefühl sei eine Art Sicherheitsgarantie für den anderen. Im Altruismus steckt eine gewaltige Portion magischer Machtrausch. Das Objekt der vertrauens-Spende wird sozusagen in eine Art Rettungsschirm gepackt und zum Geschöpf dessen, der sich ihm aller Enttäuschung zum Trotz zuwendet.

Eine gefährliche Selbststilisierung, bei der sich der Vertrauensspender in eine mehr und mehr exponierte Situation hineinkatapultiert. Denn während er oder sie die eigene Rolle zelebriert, spekuliert seine Umgebung auf die Zuverlässigkeit dieser Haltung – und nutzt sie gnadenlos aus.

Vertrauen in der Literatur

Ja, da ist er wieder, der böse literarische Blick . . . der, wie ich meine, realistische Blick auf die Welt. Und wenn wir einen winzigen Bewusstseinswandel in Richtung des Vertrauensphänomens erzeugen wollen, dann diesen: ein Gespür für das Ganze dieses gemischten Gefühls, die Vorder- und die Öffentlichkeits-abgewandte Seite, die helle und die dunkle Seite dieses Phänomens zu vermitteln.

Gestatten Sie noch ein zweites Beispiel für den Blick auf dieses starke, schwache Gefühl. Kleist: Die Verlobung in Santo Domingo.

Kleist selbst ist ein exzellentes Beispiel für die Doppelhelix des Vertrauens. Altruistisch und egomanisch zugleich. In einem Brief an seine Verlobte Wilhelmine Zenge scheibt er: „Mein Vertrauen zu dir soll nicht wanken. Jedem will ich Misstrauen verzeihen, nur Dir nicht.“

In zwei Sätzen wird die Spannweite dieses Gefühlsszenariums umrissen. Der erste Satz beschwört die Stabilität des Gefühls, das dem „Du“ bedingungslos geschenkt wird. Bereits im zweiten Satz kippt das Kräfteverhältnis auf eine überraschende Art und Weise um – und aus dem absoluten Gefühl wird absoluter Anspruch – ein gnadenloser Anspruch. Misstrauen verboten, Zweifel unverzeihlich.

Der Showdown unserer Geschichte zeigt, wie der Sprengsatz des Vertrauens explodiert. Tonis Freund glaubt, muss glauben, die Geliebte hätte ihn in eine Falle gelockt und gefesselt, um ihn auszuliefern. In einem unbeachteten Moment schießt er auf das Mädchen und trifft sie tödlich. Die Sterbende versucht mit letzter Kraft, das Geschehene in Worte zu fassen:

„’Ach!’ rief Toni, und streckte, mit einem unbeschreiblichen Blick, ihre Hand nach ihm aus: ‚dich, liebster Freund, band ich, weil (ich Dich schützen wollte). ‚Ach!’ rief Toni, und dies waren ihre letzten Worte: ‚Du hättest mir nicht misstrauen sollen!’“

Was sie nicht mehr sagen, nicht mehr fragen kann: Wie bestimmen sich die Grenzen des Muss- und Vertrauens? Welche Zeichen steuern unsere Fähigkeit, Misstrauen ein- oder abzuschalten?

Das genau werden unsere Fragen sein, die uns zu beschäftigen haben

im Verlauf dieses Jahres des Vertrauens, das nun meine Mitstreiter Dr. Ellis Huber, Annette Schnaitter und Ursula Maria Lang, Dr. Hans Christian Meiser und Dr. Bernd Villhauer noch umreißen und präzisieren werden.

Alles, was wir tun, wird zusammengehalten durch das Bemühen, einen Weg aus dem Dickicht des allgemeinen Zynismus zu erkunden. Es muss einen dritten weg geben zwischen pragmatischer, profitorientierter Vertrauens-Routine und parareligiöser Vertrauens-Schwärmerei.

Es muss eine Gesellschaft geben, in der der Mut zum Vertrauen belohnt und nicht benutzt oder sogar bestraft wird. Der Mut, auf den anderen zu wetten, zu setzen. Lassen Sie uns diesen Stresstest Vertrauen wagen! Danke“

© Vortrag von Prof. Dr. Jürgen Wertheimer zum www.jahr-des-vertrauens.de am 06.11.2017 in Tübingen